Taunus Winterreise stimmt Zuschauer nachdenklich: Schuberts Liederzyklus trifft auf die soziale Realität unserer Zeit

Am vergangenen Montag wurde ein Musiktheaterprojekt der besonderen Art in der Stadthalle Eschborn aufgeführt. Franz Schuberts Liederzyklus Winterreise aus dem Jahr 1827 traf dabei auf die soziale Realität der von Armut und Not betroffenen Menschen unserer Zeit. Lebenssituationen aus dem Taunus und dem Rhein-Main-Gebiet wurden in Verbindung gebracht mit 24 Liedern über Hoffnung, Sehnsucht und Einsamkeit. Dieses Kunstprojekt von Stefan Weiller für Solisten, Sprecher, Chor und Orgel ist speziell für die Schwalbacher Tafel entstanden und wurde in dieser Form nur einmal aufgeführt.

Vor zehn Jahren wurde die Schwalbacher Tafel gegründet. Dies nimmt die Evangelische Familienbildung Main-Taunus als Trägerin der Einrichtung zum Anlass, mit verschiedenen Veranstaltungen auf die Arbeit der Tafel aufmerksam zu machen – neben der Taunus Winterreise gibt es weitere Konzerte sowie eine „Woche der offenen Tafel“.

Seit 2007 versorgt die Schwalbacher Tafel Menschen aus den Gemeinden Eschborn, Bad Soden, Schwalbach und Sulzbach mit Lebensmitteln. Denn auch in dieser reichen Region leben viele Menschen, deren Einkommen so niedrig ist, dass sie berechtigt sind, die Hilfe der Tafel anzunehmen. „Wie fühlt es sich an, zum ersten Mal an der Essensausgabe der Tafel zu stehen?“, „Was sind das für Menschen, die in dieser vermeintlich reichen Gegend ohne feste Wohnung leben?“ und „Was geht in Menschen vor, die auf der Flucht waren und nun in einem neuen Land Anerkennung suchen?“

Um diese Fragen zu beantworten, wurden über einen langen Zeitraum hinweg in der Region Gespräche mit sozial benachteiligten, von Armut betroffenen und asylsuchenden Menschen geführt, die als Basis dieses sozial anspruchsvollen, gesellschaftlich relevanten und künstlerisch ambitionierten Musiktheaterprojekts dienen. Die anonymisierten Interviews wurden in betont kurze Texte gebracht und den Schubert-Liedern aus der Winterreise gegenüber gestellt oder auch innerhalb eines Liedes miteinander verbunden. Diese Verbindung macht Sinn, denn auch Schubert berichtet in seinem Liederzyklus von Heimatlosigkeit, Suche, von Irreläufen und Verzweiflung. Die Taunus Winterreise nimmt ihre Zuhörer tief mit in die Gefühlswelt von ausgegrenzten Menschen – und will dabei vor allem eines zeigen: Man muss nur hinschauen, um zu erkennen, dass das eine untrennbar mit dem anderen zusammenhängt.

Die von hochkarätigen Künstlern gestaltete Musikveranstaltung (Rezitation: Birgitta Assheuer und Uwe Kraus, Sopran: Christina Schmid, Bariton Timon Führ, Klavier und Orgel: Hedayet Djeddikar) ist Teil der Deutschen Winterreise des Frankfurter Projektkünstlers Stefan Weiller, die seit 2009 deutschlandweit die Situation von Menschen, die von sozialer Not bedroht sind, dokumentiert. Mehr zu diesem Projekt finden Sie unter www.deutsche-winterreise.de.

Taunus Winterreise

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